Pressemeldung DTB März 2008

Tierqual: Millionen Mastkaninchen leiden hinter Gittern



Vor allem in der Osterzeit ist er als Festessen sehr beliebt: der Kaninchenbraten. Doch was viele Verbraucher nicht wissen: das Leben der Kaninchen, die als vermeintlicher Gaumenschmaus aufgetischt werden, ist ein trauriges. Jedes Jahr werden circa 30 Millionen Tiere in Deutschland verzehrt. Bisher gibt es keinerlei rechtliche Bestimmungen, die die Kaninchenhaltung regeln. Auch wenn einzelne Handelsketten vergangenes Jahr Konsequenzen zogen und die Qualware aus Ihren Kühlregalen verbannt haben, hat sich an den Haltungsbedingungen für die Tiere nichts geändert. Selbst in Stallungen von Funktionären des Bundesverbandes der Kaninchenfleisch und Wollerzeuger ist die grausame Haltung Alltag, wie Bildmaterial beweist, das dem Deutsche Tierschutzbund zugespielt wurde.

„Das Leben der Kaninchen hat mit der Idylle, von glücklich hoppelnden Tieren nichts zu tun. Es muss endlich eine gesetzliche Regelung her, damit die Kaninchenmast in Zukunft den Anforderungen des Tierschutzgesetzes gerecht wird. Wer sich nicht an millionenfacher Qual mitschuldig machen will, sollte auf den Kaninchenbraten verzichten“, so Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes in Bonn.

Die typische Haltung der Mastkaninchen ist mit der von Legehennen in Käfigbatterien vergleichbar. Die Tiere sind in Drahtgitterkäfigen eingepfercht, in denen sie aller artgerechten Verhaltensweisen beraubt sind. „Hoppeln“, und „Männchen machen“ sind den bewegungsfreudigen Tieren nicht möglich. Die grausamen Folgen: Verkrümmungen der Wirbelsäule und Gelenkprobleme. Die Drahtgitterböden und der zu geringe Platz fügen den Kaninchen enorme Schmerzen und Verhaltensstörungen zu. So kann es beispielsweise zu schmerzhaften Pfotengeschwüren und Gitternagen kommen.

Der Deutsche Tierschutzbund fordert eine EU-weite Regelung der Haltungsbedingungen von Mastkaninchen. Seit 1998 arbeitet der Europarat nun schon an einer Empfehlung zur Kaninchenhaltung, die 13. Revision liegt bereits seit 2007 als Entwurf vor. Doch seitdem wird vergeblich auf einen Abschluss gewartet. Auch ein nationaler Alleingang der Bundesregierung lässt auf sich warten. So fehlt im 2007 veröffentlichten Tierschutzbericht der Bundesregierung jegliche Zusage, endlich eine gesetzlich verbindliche Haltungsvorschrift zu erlassen. Das Thema wird mit ausweichenden Aussagen zu fehlenden Forschungsergebnissen abgehakt. Aus Tierschutzsicht muss die Haltung von Kaninchen in Käfigen oder Einzelhaltung verboten werden. Des Weiteren müsste dem artgemäßen Verhalten der Tiere Rechnung getragen und mehr Platz, Rückzugsbereiche, Einstreu, Nagematerial und strukturiertes Futter zur Verfügung gestellt werden.


Das stumme Leiden der Stallhasen

Bei unseren Tierschutzkontrollen werden wir immer wieder mit sehr schlimmen Tierhaltungen konfrontiert. Erst kürzlich mussten wir feststellen, dass manche Tierarten schutzlos dem Menschen ausgeliefert sind. Für Kaninchen ist die Haltung in Deutschland gesetzlich nicht geregelt. Unverständlich, dass Tiere genau wie vor 50 Jahren in Deutschland gehalten werden dürfen. In vielen Kleingärten werden die so genannten "Stallhasen" noch immer in viel zu kleinen Käfigen, übereinandergestapelt, jeder Witterung ausgesetzt, gehalten. Kaninchen sind gesellige Tiere, die einen ausgeprägten Bewegungsdrang haben. Diese natürlichen Bedürfnisse werden dem Stallhasen vorenthalten. Sie lieben es sich in eine Schlafhöhle zurück zu ziehen. Bei der leider nur noch zu oft üblichen Gartenhaltung dienen den armen Tieren ihr viel zu kleiner Käfig als Lebens- und Schlafraum. Keine Halteverordnung, keine Leitlinie schützt das Leben und Sterben dieser Geschöpfe. Sicher haben wir den § 2 des TSG, allerdings müssten unserer Meinung nach den Veterinärämtern bzw. den städt. Ordnungsämtern als Leitfaden Haltungsvorschriften zur Verfügung stehen, um den Bedürfnissen dieser Tiere auch nur annähernd Rechnung zu tragen.

Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. zur Kaninchenhaltung

Biologie

Das Kaninchen ist ein
dämmerungs-bis tagaktives Fluchttier, das in der Wildform gesellig in Erdhöhlen lebt. Das Kaninchen ist ein
typischer Pflanzenfresser mit
entsprechend auf die Verwertung von Rohfaser ausgerichtetem Darmtrakt. Es stammt ursprünglich aus Südwesteuropa. Auch beim Zwergkaninchen als Heimtier ist noch der für das Fluchttier typische große Bewegungsdrang vorhanden. Typisch sind das explosionsartige Durchstarten und Hakenschlagen bei der Flucht.
Kaninchen werden mit 4 bis 5
Monaten geschlechtsreif. Die Tragzeit beträgt ca. 30 Tage. Die Jungen werden blind und unbehaart geboren, die Augen öffnen sich ca. mit 10 Tagen. Kaninchen werden 8 bis 12 Jahre alt.


Unterbringung

Innenhaltung

Die Käfiggröße sollte für die als Heimtier gehaltenenen kleinen Rassen mindestens 150 cm x 60 cm x 50 cm (B x T x H) betragen.
Als Einstreu dienen saugfähige Materialien wie Hobelspäne, Stroh-oder
Hanfpellets; ungeeignet ist Katzenstreu. Eine Schlafhöhle und eine erhöhte Liegefläche (z.B. in Form eines Häuschens mit Flachdach), eine Tränkeflasche und ein schwerer Futternapf müssen vorhanden sein. Eine Heuraufe muß abgedeckt sein. Kaninchen springen aus Schreck oder Übermut in die Raufe und können sich nur schwer wieder befreien (Verletzungsgefahr).

Außenhaltung

Kaninchen können das ganze Jahr über im Freien gehalten werden. Vorraussetzung hierfür ist ein Gehege von mindestens 2 bis 3 Quadratmetern Grundfläche, zzgl. einer wetterfesten und isolierten (frostfreien) Schutzhütte, die die Tiere jederzeit selbständig aufsuchen, bzw. verlassen können. Das Gehege muss gegen Entweichen (Ausbuddeln) und gegen Eindringlinge
(Füchse, Marder) durch in den Boden eingelassenes Drahtgeflecht gesichert
sein. Das Gehege soll gleichermassen Schutz vor Hitze, Kälte und Nässe bieten. Es kann mit Baumwurzeln, Baumscheiben, Unterschlüpfen, Zweigen, Röhren, etc. strukturiert werden. Herkömmliche Kaninchenställe eignen sich nicht zur dauerhaften Außenhaltung der Tiere, da sie zu klein sind und zu
wenig Witterungsschutz bieten.

Pflege

In der Wohnung sollte das Kaninchen täglich Freilauf bekommen, um seinen Bewegungsdrang ausleben zu können, allerdings unter Aufsicht. Laufleinen und Geschirre sind hierzu ungeeignet, denn sie bergen Verletzungsgefahren und beeinträchtigen das arteigene Bewegungs – und Erkundungsverhalten. Kaninchen nagen nicht nur Holzteile an, sondern beispielsweise auch
Stromkabel (Gefahr für Tier und Mensch).
Im Sommer kann ein transportables Gatter dem Kaninchen Freilauf und
Grünfutteraufnahme im Garten ermöglichen. Die Grünfläche darf nicht
frisch gedüngt oder mit Unkrautvernichtungsmitteln behandelt sein, sonst treten Vergiftungserscheinungen auf. Wichtig ist eine Abdeckung zum Schutz gegen Greifvögel, Füchse und
freilaufende Haustiere wie Hund und Katze. Es muß eine Rückzugs- und
Tränkemöglichkeit angeboten werden.

Ernährung

Zur notwendigen Rohfaseraufnahme
muß immer Heu zur Verfügung stehen, dazu kann getreidefreies Fertigfutter (Pellets) in einer Menge von einem Eßlöffel pro Tier und Tag gegeben werden. Ergänzt wird das Grundfutter durch mäßiges Angebot an Grünfutter (ab der 10. Lebenswoche). Um die zeitlebens wachsenden Nagezähne abzunutzen und zur Beschäftigung, sollten Äste von Obstbäumen, Weide oder Haselnuß angeboten werden. Trinkwasser muß ständig in ausreichender Menge und
Qualität zur Verfügung stehen.
Kotfressen ist beim Kaninchen
keine Verhaltensstörung, sondern dient der Aufnahme von B-Vitaminen.
Fütterungsfehler (z.B. angegorenes
nasses Gras, zuckerund stärkehaltige Nahrungsmittel, Kohlblätter, abrupter
Futterwechsel) führen zu
manchmal tödlich verlaufenden Störungen des empfindlichen Darmtraktes, ein Symptom ist die
sogenannte Trommelsucht
(Aufblähung des Magens und von Darmabschnitten).

Kaninchen sind hitzeempfindlich, deshalb muß mindestens die Hälfte der
Fläche im Schatten liegen; bei Albinos (lichtempfindliche Augen !) die gesamte Fläche. Kaninchen sollten von Anfang an paarweise oder in Gruppen gehalten werden (Böcke müssen dazu kastriert werden), um Verhaltensstörungen wie Aggressivität oder Zwangsbewegungen zu vermeiden. Nach längerer
Einzelhaltung ist eine nachträgliche Vergesellschaftung oft schwierig, aber
meist nicht unmöglich. Am besten werden Wurfgeschwister zusammen gehalten.
Eine Vergesellschaftung von Kaninchen und Meerschweinchen ist aufgrund
des unterschiedlichen Verhaltens nicht anzuraten, ein Meerschweinchen kann den arteigenen Partner nie ersetzen !
Zwergkaninchen kann man durch festen Griff in die Genickfalte (nie an
den Ohren) hochheben, dabei muß mit der anderen Hand die Beckenpartie unterstützt werden. Um plötzliche Fluchtversuche zu verhindern, muß man sie zusätzlich an den Oberkörper herandrücken. Beim Hochheben der Tiere kann es abrupt zu heftigen Abwehrbewegungen kommen, wenn die Kaninchen in Panik geraten. Die Tiere treten dann kräftig mit den Hinterläufen um sich. Sie beruhigen sich jedoch recht schnell, wenn sie wieder abgesetzt werden.

Weitere Tierschutzaspekte

Zwergkaninchen werden auf möglichst niedliches Aussehen mit dem typischen
runden kurzen Kopf gezüchtet. Das kann Zahnfehlstellungen zur Folge haben. Solche Tiere sollten von der Zucht ausgeschlossen werden. Es gibt verschiedene gefährliche und tödlich verlaufende Erkrankungen beim Kaninchen, wie z.B. RHD (Hämorrhagische Kaninchenseuche), Myxomatose und Kaninchenschnupfen (Pasteurellose), für die Impfstoffe zur Verfügung stehen. Alle Kaninchen sollten unabhängig von der Haltungsform geimpft werden.
Tiere, die im Sommer über längere Zeit im Außengehege bleiben, dürfen
nicht sich selbst überlassen bleiben, da sonst Krankheitsanzeichen übersehen werden. Haarkleid und Afterregion sollten täglich auf Fliegenmaden überprüft
werden. An warmen Tagen legen Fliegen ihre Eier bevorzugt in dieser
Region ab. Die sich entwickelnden Maden können weiträumig in die Haut einwandern und letztendlich das Einschläfern des Tieres notwendig machen.

© Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz, Stand Februar 2004